Im Rahmen des Euregioprojekts Resilient Beliefs: Religion and Beyond fand am 15./16. März 2024 an der PTH Brixen ein Workshop statt, an dem zwei renommierte Gastreferenten teilnahmen: der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald und der emeritierte Wiener Moraltheologe Gerhard Marschütz.

Die Forschungsbeauftragte Gloria Dell’Eva gab zunächst eine Einführung in das Thema des Euregioprojektes: "Menschen haben Überzeugungen, an denen sie sich in ihrem Leben auf pragmatischer, moralischer oder weltanschaulicher Ebene orientieren. Viele dieser Überzeugungen sind widerstandsfähig gegen Veränderungen. In unserem Projekt nennen wir diese Widerstandsfähigkeit 'Resilienz'. Manchmal ist diese Resilienz gerechtfertigt und ein gesunder Bestandteil unseres Lebens, z.B. wenn wir an einige grundlegende physikalische oder moralische Gesetze glauben und an ihnen festhalten. Manchmal jedoch handelt es sich um Überzeugungen, die in ihrer Hartnäckigkeit einen unterschiedlichen Grad an Problematizität aufweisen, z.B. wenn ich glaube, dass Frauen empathischer als Männer sind, oder dass alle Ausländer Kriminelle sind. Hier an der PTH in Brixen ist der Fokus des Projekts auf religiöse Überzeugungen gerichtet: Auch was diese betrifft, können wir sagen, dass sie oft für religiöse Menschen als ein lebensweltliches und moralisches Orientierungssystem im Leben dienen, die außerdem auch Gemeinschaft und Identität stiften. Wir sehen jedoch, dass religiöse Überzeugungen in unserer Gesellschaft auch problematisch sein können, weil sie dogmatisch und unhinterfragt vorausgesetzt werden oder gar irrational sind und nicht selten Hass gegen Andersgläubige und Minderheiten schüren."

Eröffnet wurde die Tagung mit einem öffentlichen Abendvortrag von Prof. Seewald zur Frage, ob die Kirche eine Demokratie sei. Wenn man darunter versteht, dass über Glaubenswahrheiten nach dem Mehrheitsprinzip abgestimmt werden könne, dann sei die Frage negativ zu beantworten. Zudem sei nicht das Volk, sondern Christus Herr der Kirche. Dass man diese vermeintlich in Stein gemeißelte Glaubensüberzeugung auch differenzierter sehen kann, hat Prof. Seewald in seinem Vortrag überzeugend aufgezeigt. Er sprach sich dafür aus, dass das katholische Kirchenverständnis sehr wohl mit demokratischen Grundprinzipien wie dem Gleichheits-, dem Mehrheits-, dem Kontroll- und dem Normbindungsprinzip vereinbar ist.

Prof. Seewald hielt am darauffolgenden Tag einen weiteren Vortrag, dessen Grundfragen waren: Was ist ein Dogma und wie hat sich das Dogmenverständnis in der katholischen Kirche verändert? Seewald ging von einem breiten Verständnis des Dogmas aus: Es ist eine bestimmte Form der Lehre, die verbindlich von der Kirche vorgelegt wird, in dem Sinne, dass katholische Gläubige an diese Lehre unbedingt glauben müssen. Seewald hat zwei wichtige Etappen der geschichtlichen Entwicklung dieser Verbindlichkeit unter die Lupe genommen: Das erste Vatikanische Konzil (1869/1870), sowie den Katechismus aus dem Jahr 1992. Er hat gezeigt, inwiefern das, was Gegenstand eines Dogmas sein kann, im Katechismus eine „schleichende Ausdehnung“ im Vergleich zur Formulierung des Konzils erfahren hat: Die zu glaubende Wahrheit muss nicht direkt offenbart worden sein, sondern kann auch „nur“ in einem historischen bzw. logischen Zusammenhang mit der Offenbarung stehen. Welche Implikationen diese Ausdehnung hat, hat Seewald am Beispiel der Frauenordination gezeigt.

Prof. Marschütz hingegen ging der Frage nach, wieso die Genderthematik derart kontrovers diskutiert wird und in alltäglichen Konkretisierungen kognitive Spaltungs- bzw. Polarisierungsprozesse auslöst. Er meinte, dass die meisten Menschen davon ausgehen, dass zwei und nur zwei Geschlechter sowie ein wechselseitiges, sprich heterosexuelles Begehren gäbe und dass dies biologisch vorgegeben und daher natürlich sei. Zudem glauben sie, dass sich diese vermeintlich natürliche Zweigeschlechtlichkeit im sozialen Kontext widerspiegelt. Diese Vorstellung sei für viele Menschen trotz neuer human- und sexualwissenschaftlicher Einsichten, aber auch trotz neuer exegetischer und theologischer Reflexionen eine bleibende Grundüberzeugung, weil sie aufgrund ihrer Eindeutigkeit entlastend wirkt und als Schutzfunktion für herkömmliche Vorstellungen von Geschlechterrollen sowie für Ehe und Familie dient. Sie erfüllt auch die Funktion eines Distinkionsmarkers, was als normal und moralisch gut empfunden wird. Auch dürfe nicht vergessen werden, dass die Vorstellung der Geschlechterbinarität viele Jahrhunderte lang, wenn auch unter anderen Kenntnisvoraussetzungen, als religiös abgesichert galt. Nach Marschütz gelte es, die empirische Vielfalt als wunderbare Vielfalt der Schöpfung Gottes zu begreifen und positiv anzunehmen. Dadurch werde auch deutlich, dass ein Mensch um seiner selbst willen anzuerkennen sei – unabhängig von sexueller Orientierung und geschlechtlicher Empfindung.

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