Gestern Nachmittag, am 31. März 2026, hat die Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft Gottfried Ugolini als „Politische Persönlichkeit des Jahres 2025“ in der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen, an der er in Lehrveranstaltungen, Vorträgen und der Priesterausbildung wirkt, für seinen langjährigen Einsatz in der Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt innerhalb der Diözese Bozen-Brixen ausgezeichnet. „Sein Wirken steht exemplarisch für einen Politikbegriff, der über institutionelle Macht hinausgeht und Verantwortung, Transparenz sowie den Schutz grundlegender Rechte ins Zentrum rückt“, sagten Elisabeth Alber und Alice Engl, Co-Präsidentinnen der Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft. Nach der Preisverleihung und Laudatio auf Gottfried Ugolini sowie Worte des Geehrten folgte eine Podiumsdiskussion, die von Harald Knoflach moderiert wurde. Neben dem Preisträger, Maria Sparber, unabhängiger Ombudsfrau für innerkirchliche Missbrauchsfälle der Diözese Bozen-Brixen, und Martin M. Lintner, Dekan der PTH Brixen und Professor für Moraltheologie und Spirituelle Theologie, nahm auch Roland Angerer, ein Betroffener, teil, der eindrücklich für den Mut zum Hingehen zu Hilfs- und Gesprächsangeboten warb. Er erinnerte zudem daran, dass wir immer die Wahl haben, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken und unser Leben sinnerfüllt zu gestalten.
Seit über fünfzehn Jahren setzt sich Ugolini mit institutionellem Missbrauch auseinander und hat als Beauftragter für Prävention sowie als Leiter zentraler Aufarbeitungsprozesse wesentlich dazu beigetragen, entsprechende Strukturen zu etablieren und Missbrauch als strukturelles Problem zu begreifen. Mit dem Projekt „Mut zum Hinsehen“ wurde erstmals in einer italienischen Diözese ein umfassender, extern begleiteter Aufarbeitungsprozess initiiert, der überregional Beachtung fand und neue Maßstäbe im Umgang mit institutioneller Verantwortung setzte. Zugleich wäre eine Würdigung unvollständig, würde sie nicht auch die Spannungen und Brüche dieses Prozesses benennen. Die Aufarbeitung verlief nicht frei von Konflikten: Entscheidungen wurden kritisch diskutiert, Zuständigkeiten hinterfragt und institutionelle Abhängigkeiten sichtbar. Auch Ugolini selbst hat diese Grenzen anerkannt und Konsequenzen daraus gezogen. Gerade diese Bereitschaft zur Selbstkritik verweist jedoch auf ein politisches Verständnis, das auf Lernfähigkeit, Reflexion und die Übernahme von Verantwortung setzt. In diesem Zusammenhang betont Ugolini selbst: „Die Aufarbeitung und Prävention sind notwendige und unumgängliche Folgen, dass Betroffene den Mut gefunden haben, das Schweigen zu versprachlichen. Das erfordert einen Kulturwechsel in Kirche und Gesellschaft, und eine entsprechende Haltung, damit jegliche Form von Missbrauch als Vergehen gegen die Person, ihre Würde und ihre Freiheit anerkannt und geahndet wird. Es ist Aufgabe aller, dafür Sorge zu tragen, dass alles unternommen wird, um Missbrauch zu verhindern und gegebenenfalls rasch aufzudecken und kompetent zu handeln.“
Im Zentrum seines Engagements standen und stehen die Betroffenen. Ugolini hat wiederholt betont, dass ohne ihre Perspektive keine glaubwürdige Aufarbeitung möglich ist. Die Anerkennung ihres Leids, die Schaffung von Schutzräumen und die institutionelle Verankerung ihrer Anliegen markieren einen Paradigmenwechsel, der weit über kirchliche Kontexte hinausreicht und grundlegende Fragen von Rechtsstaatlichkeit, Machtkontrolle und gesellschaftlicher Verantwortung berührt. Entsprechend hebt er hervor: „Es gilt, erlittenes Leid soweit es geht zu heilen und Gerechtigkeit für erlittenes Unrecht zu schaffen. Voraussetzung für jede Prävention ist die Vision: Kirche und Gesellschaft als sicherer und geschützter Ort für minderjährige und alle Personen.“ Die Auszeichnung würdigt ihn daher nicht als makellose Figur, sondern als politische Persönlichkeit im emphatischen Sinn: als jemanden, der sich einem hochsensiblen Thema gestellt, Konflikte ausgehalten und notwendige Prozesse angestoßen hat. Zugleich macht sie deutlich, dass die bisherigen Fortschritte erst den Anfang eines langfristigen Aufarbeitungsprozesses darstellen.

